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Beitrag Zeitschrift für Manuelle Medizin

Herzrhythmusstörungen durch Grenzstrangirritation Fallbericht

Anamnese:
Eine 45 jährige Patientin stellte sich mit seit über einer Stunde persistierenden Palpitationen in Verbindung mit Schwindel und Dyspnoe in meiner allgemeinärztlichen Praxis vor. Es bestünden keine internistischen Vorerkrankungen. Diese Beschwerden hätte sie in den letzten Monaten des öfteren verspürt zudem auch eine Verhärtung am Rücken. Beide Symptome wären insbesondere auf Bewegung dann wiederholt spontan verschwunden. Kardiale Risikofaktoren bestanden durch Nikotinkonsum.

Diagnostik:
Die Patientin zeigte einen vegetativen Erregungszustand mit Tachykardie und Schwitzen sowie innerer Unruhe. Es bestand eine Dyspnoe und Hypotonie. Auskultatorisch Vesikuläratmen ohne Anhalt für ein Vitium.
Im EKG zeigte sich das Bild einer regelmäßigen supraventrikulären Tachykardie mit einer Frequenz von 227/min. (Siehe EKG 1).
Die auf Grund der Notfallsituation auf die Thoraxregion beschränkte manualmedizinische Untersuchung ergab eine Dysfunktion im Sinne einer Konvergenzstörung der Segmente Th 2-4 mit positiven Irritationspunkten im Bereich der korrespondierenden Kostotransversalgelenke der linken Seite.

Diagnose:
Supraventrikuläre Tachykardie, Va. Reentry-Tachykardie, DD. Vorhofflattern mit 2:1 Überleitung
Blockierung BWS mit Rippen Th2-4

Therapie:
Eine kardiale Dekompensation auf Grund der kreislaufwirksamen Tachykardie war zu befürchten. Vasovagale Stimmulationsversuche wie Massage des Carotissinus blieben ohne Effekt. Dennoch habe ich auf eine medikamentöse Kardioversion vorerst verzichtet und eine chirotherapeutische Probebehandlung durchgeführt.
In Rückenlage erfolgte die Deblockierung der Brustwirbelkörper 2-4 mit korrespondierenden Rippen mittels Hypomochliontechnik.
Hierauf verspürte die Patienten sofort eine deutliche Erleichterung ihrer Beschwerden.
Der Rhythmus in dem unmittelbar darauf durchgeführten EKG mit einer Frequenz von 130/min wurde als Konversion in den Sinusrhythmus gewertet (siehe EKG 2). Die Sinustachykardie normalisierte sich in den folgenden Minuten. Die Patientin war und blieb hierauf beschwerdefrei.
Ein ergänzender Troponintest zum Ausschluss einer kardialen Ischämie erfolgte auf Grund der raschen Beschwerdefreiheit nicht. Dieser ist bei unklaren Thoraxschmerz natürlich Standard, jedoch bei derartigen Tachykardien häufig sekundär reaktiv positiv.

Diskussion:
Die nach dem Lehrbuch häufigste Ursache in dieser Altersgruppe für eine supraventrikuläre Tachykardie besteht in einer kreisenden elektrischen Erregungen mit Auftreten von Reentry-Tachykardien. Paroxysmale Verläufe mit spontaner Konversion sind häufig (4).
Im vorliegenden Fall kann von einer mechanisch bedingten Grenzstrangirritation ausgegangen werden. Die sympathische Irritation durch Rippenfehlstellungen betraf die kardialen Projektionsfelder TH2-4.
Die kostovertebralen Gelenke weisen starke somatosensorische und viszerosensorische sowie sympathische Innervationen auf(.1)
Die Thoraxregion eignet sich im Rahmen der ganzheitlichen internistischen Diagnostik nicht nur auf Grund sympathischer Viszeroafferenzen, sondern auch therapeutisch mittels viszeroefferenter Verbindungen, wobei ein polysegmentales Reaktionsmuster zu beachten ist (2).
Das nach der chirotherpeutischen Therapie dokumentierte EKG 2 wurde als erfolgreiche Konversion in einen Sinusrythmus gewertet.
Formal kann hier eine 3:1 Überleitung bei Vorhofflattern nicht sicher ausgeschlossen werden (vor Manipulation mit 2:1 Überleitung). Dagegen spricht die sich in den folgenden Minuten normalisierende Herzfrequenz, die im Rahmen der nachlassenden reflektorischen sympathischen Stimulierung diskutiert werden kann. Die ambulante kardiologische Abklärung ergab einen unauffälligen Befund. Der Kardiologe stellte die Indikation für eine elektrophysiologische Untersuchung. Dieser Empfehlung folgte die Patientin nicht, da derartige Herzrhythmusstörungen auch nach fast einem Jahr nicht wieder aufgetreten waren. Auch bei möglichem Vorliegen von zusätzlichen Faktoren wie einer störanfälligen intrakardialen Reizleitung darf die permanente sympathische Irritation als zusätzlicher Faktor zur Überschreitung einer Krankheitsschwelle und hier dem Auftreten einer supraventrikulären Tachykardie diskutiert werden (3).
Ähnliche Behandlungsverläufe hat der Autor bei Absoluter Arrhythmie bei Vorhofflimmern beobachtet.
In meiner allgemeinärztlichen Praxis hat es sich bewährt, neben der viszeralen internistischen Diagnostik eine manualmedizinische Untersuchung wenigstens der vegetativ korrespondierenden Wirbelsäulensegmente durchzuführen. Dieser Untersuchungsgang hat sich insofern bewährt, da eine unmittelbare Behandlung aus der Untersuchung heraus eine medikamentöse Therapie manchmal erübrigt oder zumindest erleichtert.
Eine sorgfältige internistische Basisabklärung darf jedoch nie fehlen, da sich thorakale Beschwerden, verursacht durch einen Myokardinfarkt zumindest kurzfristig ebenfalls manualtherapeutisch lindern lassen!

Fazit für die Praxis:
Die Beachtung der sympathisch-viszeralen Projektionsfelder insbesondere der dorsalen Thoraxregion: – eignen sich hervorragend zur ergänzenden Diagnostik und Therapie in der allgemeinmedizinischen Behandlung sollten Eingang in die Standards der allgemeinärztlichen/internistischen Untersuchungs- und Behandlungsplanung finden
sind ein kostengünstiges Instrument der basismedizinischen Versorgung

Literatur:
1. Böhni, Lauper, Locher, Manuelle Medizin 1, Seite 475 bis 481
2. Drake, Gray‘s Atlas der Anatomie, Urban Fischer Verlag, Seite 119-121
3. Heesch, Manuelle Medizin 2014, 52;427-431
4. Herold, Innere Medizin 2007, 253-257

Autor:
Dr. Florian Hage
Lehrteam DGMSM Boppard
Praxis für Allgemeinmedizin
Manuelle Therapie, Notfallmedizin
Seeleite 4
95478 Kemnath
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